{"id":2460,"date":"2017-01-10T07:52:11","date_gmt":"2017-01-10T06:52:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/?p=2460"},"modified":"2017-01-12T11:42:57","modified_gmt":"2017-01-12T10:42:57","slug":"von-juergen-gansaeuer-europa-in-schwerer-zeit-staedtepartnerschaften-netzwerke-der-zusammenarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/2017\/01\/10\/von-juergen-gansaeuer-europa-in-schwerer-zeit-staedtepartnerschaften-netzwerke-der-zusammenarbeit\/","title":{"rendered":"Von J\u00fcrgen Gans\u00e4uer: Europa in schwerer Zeit. St\u00e4dtepartnerschaften \u2013 Netzwerke der Zusammenarbeit"},"content":{"rendered":"<p>Am 03.10.2016 hat Herr J\u00fcrgen Gans\u00e4uer (M.A., Landtagspr\u00e4sident a.D.) in Laatzen die nachfolgende Rede gehalten. Ich hatte ihn gebeten, und die Erlaubnis erhalten, diese hier ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen. Die Rede ist in meinen Augen so gut, dass sie ver\u00f6ffentlicht und online bleiben muss.<\/p>\n<p>Die Rede wurde f\u00fcr die Partnerst\u00e4dte der Stadt Laatzen in franz\u00f6sisch und polnisch \u00fcbersetzt. Alle Versionen k\u00f6nnen als PDF hier heruntergeladen werden:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/20161003-Gans\u00e4uer-Rede-Festakt.pdf\">Download der Rede auf deutsch (pdf)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/20161003-Gans\u00e4uer-Rede-Festakt_franz.pdf\">Download der Rede auf franz\u00f6sisch (pdf)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/20161003-Gans\u00e4uer-Rede-Festakt_pol.pdf\">Download der Rede auf polnisch (pdf)<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr die gro\u00dfartigen Worte und die Bereitschaft, dass ich diese hier ver\u00f6ffentlichen darf.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Es gilt das gesprochene Wort!<\/p>\n<p>Europa in schwerer Zeit.<br \/>\nSt\u00e4dtepartnerschaften \u2013 Netzwerke der Zusammenarbeit<\/p>\n<p>Anrede,<\/p>\n<p>wenn man als Referent Wert auf Beifall legt, dann es gibt in diesen Tagen sicher Kl\u00fcgeres, als \u00fcber den Zustand Europas \u00f6ffentlich nachzusinnen. Gleichwohl, ich werde das versuchen, denn mir liegt gerade am Tag der Deutschen Einheit sehr daran, nicht nur eine Rede zu reden, sondern auch etwas zu sagen auf die Gefahr hin, dass viele von Ihnen ganz anderer Meinung sind, was ich als Demokrat ohne Probleme akzeptiere.<\/p>\n<p>Wer heute auf der H\u00f6he der Zeit sein und sich Aufmerksamkeit verschaffen will, so scheint es mir jedenfalls zuweilen, sollte in der Lage sein, das Wirken der europ\u00e4ischen Institutionen auf die eine oder andere Weise zu diskreditieren. Es verschafft in vielen Kreisen auf einfache Art und Weise Beifall und verleiht zumindest tempor\u00e4r sogar einen Hauch von Intellektualit\u00e4t. Mit einer franz\u00f6sischen Vokabel ausgedr\u00fcckt hei\u00dft dies: Wer en vogue, das hei\u00dft also gesellschaftlich anerkannt sein will, sollte schon eine gewisse Anzahl von popul\u00e4ren Redewendungen parat haben, mit denen er das Wirken der Europ\u00e4ischen Union herabzuw\u00fcrdigen in der Lage ist. Nat\u00fcrlich ist mir bekannt, dass auch andere meckern und n\u00f6rgeln k\u00f6nnen, aber wir legen doch Wert darauf, dass dies niemand so sch\u00f6n, fantasievoll, konsequent, ausdauernd, elegant und auf so hohem Niveau fertigbringt wie wir Deutschen, obwohl wir im Vergleich mit anderen L\u00e4ndern nach zwei Weltkriegen dazu objektiv gesehen am wenigsten Veranlassung haben.<\/p>\n<p>Dabei kommt der Name Europa in diesem Zusammenhang ja auch nicht von ungef\u00e4hr. Er ist bekannterma\u00dfen der griechischen Mythologie entlehnt. Die so bezeichnete Dame, also Europa, war der Erz\u00e4hlung nach die bezaubernde Tochter des ph\u00f6nizischen K\u00f6nigs Agenor. G\u00f6ttervater Zeus, dessen feminine Ambitionen in der griechischen G\u00f6tterwelt nicht unbekannt waren, hatte ein Auge auf sie geworfen. Er verwandelte sich in einen muskelbepackten gutaussehenden Stier. F\u00fcr unsere K\u00f6nigstochter war das Tier derart anziehend, so dass sie bereit war sich auf dessen R\u00fccken zu setzten und sich schlie\u00dflich von diesem zuerst ent- und sp\u00e4ter auch sehr gern verf\u00fchren lie\u00df. Die gemeinsamen drei Kinder sprechen jedenfalls daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Ja, meine Damen und Herren, die Geschichte der sch\u00f6nen Europa k\u00f6nnte sehr gut als Synonym f\u00fcr so manche Entwicklung auf dem nach ihr benannten Kontinent herhalten. Nur allzu oft waren seine B\u00fcrger in der Vergangenheit bereit, den im \u00fcbertragenen Sinne muskelbepackten politischen Verf\u00fchrern, mit fatalen Folgen f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen, nachzulaufen. Wir Deutschen k\u00f6nnen davon ein Lied singen.<\/p>\n<p>Und obwohl wir uns doch nach 1945 gemeinsam vorgenommen hatten aus der Geschichte zu lernen, laufen viele von uns in diesen Tagen erneut Gefahr, n\u00fcchterne Betrachtungen und kluges Abw\u00e4gen hintanzustellen und das ber\u00fchmte Kind in gehabter Manier mit dem Bade auszusch\u00fctten. Wer die Geschichte Europas mit seinen jahrhundertelangen blutigen Verwerfungen, seinen kulturellen und konfessionellen Divergenzen und humanit\u00e4ren Fehlentwicklungen auch nur ansatzweise kennt, sollte nicht bei jeder Krise stehenden Fu\u00dfes bereit sein in Panik zu verfallen und das bisher Erreichte fatalistisch \u00fcber Bord werfen. Den tiefgreifenden Wandel, dem niemand entkommt, werden wir jedenfalls nicht mit den nachweisbar gescheiterten nationalistisch gepr\u00e4gten Rezepten von gestern und vorgestern bew\u00e4ltigen.<br \/>\nDeren Wirkm\u00e4chtigkeit k\u00f6nnen sie noch heute bei einem Besuch in Auschwitz und Bergen-Belsen oder auch auf den Soldatenfriedh\u00f6fen von Verdun in Frankreich oder Stare Czarnowo in Polen eindrucksvoll besichtigen. Sorgen und \u00c4ngste der Menschen m\u00fcssen ernst genommen werden, aber wir d\u00fcrfen uns von ihnen nicht umfassend geistig beherrschen und politisch treiben lassen.<\/p>\n<p>Eine 50-j\u00e4hrige Partnerschaft mit einer franz\u00f6sischen, eine 30-j\u00e4hrige mit einer \u00f6sterreichischen und eine 25-j\u00e4hrigen mit einer polnischen Stadt sowie die Freundschaft mit dem brandenburgischen Guben sind ein guter Anlass, am Tag der Deutschen Einheit \u00fcber uns Deutsche und unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn nachzudenken. Dieses Nachdenken ist kein bildungsb\u00fcrgerlicher Zeitvertreib sondern eine Notwendigkeit, um die Menschen und ihr politisches Verhalten nachvollziehen und schlie\u00dflich auch verstehen zu k\u00f6nnen. Erst dadurch bekommt eine St\u00e4dtepartnerschaft eine dauerhafte und stabile Struktur. Ich versuche das.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der die Errichtung von Mauern und Stacheldrahtz\u00e4unen, mit denen wir Deutschen uns ja besonders gut auskennen und deren Beseitigung wir noch gemeinsam vor nicht allzu langer Zeit frenetisch gefeiert haben, als politisch-humanit\u00e4re Probleml\u00f6ser Hochkonjunktur feiern, scheint es mir notwendig zu sein daran zu erinnern, dass die europ\u00e4ische Geschichte beweist, dass uns Europ\u00e4er trotz aller aktueller Meinungsunterschiede mehr verbindet als die Addition von heruntergelassenen Schlagb\u00e4umen und Zollschranken.<\/p>\n<p>Eines dieser Europa kulturell pr\u00e4genden Ereignisse fand im Jahr 732 in der N\u00e4he von Tours und Poitiers in Frankreich statt. Auf dem Schlachtfeld zwischen den beiden St\u00e4dten trafen 80.000 muslimische Krieger auf die 15.000 Mann-Armee des fr\u00e4nkischen Hausmeier Karl Martell (um 690-741). Die Araber, die nach dem Tod von Mohammed, einhundert Jahre zuvor, fast m\u00fchelos Persien, Armenien, Nordafrika und die Iberische Halbinsel erobert hatten, mussten eine vernichtende Niederlage hinnehmen.<\/p>\n<p>Nicht wenige Historiker sind heute davon \u00fcberzeugt, dass mit dem Ausgang der Schlacht Europas abendl\u00e4ndisch- christliche Identit\u00e4t insgesamt bewahrt werden konnte. Eine Identit\u00e4t \u00fcbrigens die auch jene kulturell gepr\u00e4gt hat, die nicht an den christlichen Gott glauben. Ca. 130 Kilometer von Gran Quevilly entfernt, in der Kathedrale von Saint-Denis im Norden von Paris, ist Karl Martell bestattet.<\/p>\n<p>Karl Martells Enkel, Karl der Grosse, schuf ein Grossreich, das von der Nordsee bis nach Mittelitalien und von der Atlantikk\u00fcste bis zur Elbe im Osten reichte. Franzosen und Deutsche betrachten den in der Aachener Pfalzkapelle, dem heutigen Dom, bestatteten Kaiser zu Recht als ihren gemeinsamen Stammvater. Ich bin sicher, dass er sich sehr gewundert h\u00e4tte, dass es auf dem von ihm geschaffenen Territorium heute zwei unterschiedliche Staaten wie eben Frankreich und Deutschland gibt. Und noch mehr h\u00e4tte er sich gewundert, wenn er vernommen h\u00e4tte mit wieviel Hass und Brutalit\u00e4t seine Nachfahren sich trotz ihrer gemeinsamen fr\u00fchmittelalterlichen kulturellen Basis bek\u00e4mpft und sich wechselseitig \u00fcber hunderte von Jahren uns\u00e4gliches Leid und Schmerz zugef\u00fcgt haben.<\/p>\n<p>Der von uns Deutschen insbesondere im 19. Jahrhundert so gern besungene <em>Vater Rhein<\/em> war in diesem Kontext alles andere als ein Fluss des Friedens und der Freundschaft. Ganz im Gegenteil, beiderseitige Eroberungsgel\u00fcste, Machtanspr\u00fcche und Erniedrigungen prallten an diesem von den Deutschen als so urdeutsch empfundenen Fluss fast st\u00e4ndig aufeinander. Die <em>Germania<\/em> des Niederwalddenkmals oberhalb der Stadt R\u00fcdesheim, die mit der Kaiserkrone in der einen und einem Schwert in der anderen dargestellt ist, h\u00e4lt noch heute die <em>Wacht am Rhein<\/em> gegen den Feind am anderen Ufer. Gott sei Dank ist die Dame seit langer Zeit arbeitslos geworden und wir sollten alles daran setzen, dass sich dieser Zustand nie \u00e4ndert. Aber auch ganz in unserer N\u00e4he k\u00f6nnen wir noch heute ein solches Fragment besichtigen, das die politische Stimmungslage im 19. Jahrhundert zum Ausdruck bringt. Das 1875 eingeweihte und von Ernst von Bandel geschaffene Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Der Cheruskerf\u00fcrst Arminius schaut mit erhobenem Schwert drohend, ja wohin wohl, nat\u00fcrlich in Richtung Westen, also nach Frankreich, das man wenige Jahre zuvor besiegt hatte. Dieser Sieg wurde 1871 durch die Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches \u201egekr\u00f6nt\u201c. Die Zeremonie war eine der gr\u00f6\u00dften Beleidigungen die man Frankreich antun konnte, denn die Kaiserproklamation des Preu\u00dfischen K\u00f6nigs Wilhelm I. (1797-1888) fand nicht etwa in Berlin oder Potsdam, sondern im Spiegelsaal von Versailles, also im Herzen Frankreichs statt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt werden nach meiner Erfahrung die Aufrechner unter meinen Zuh\u00f6rern unruhig. Sie verlangen nun endlich von mir, sozusagen als Ausgleich, etwas \u00fcber die Untaten der Franzosen zu h\u00f6ren. So z.B. \u00fcber die Eroberungsambitionen Ludwigs XIV. und die Machtambitionen von Napoleon Bonaparte, der im Oktober 1806, nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt, ganz bewusst durch das Brandenburger Tor reitend, den Schl\u00fcssel der Stadt Berlin in Empfang nahm, nachdem er Franz II. zuvor gezwungen hatte seine Kaiserkrone niederzulegen mit dem Effekt, dass das von Otto dem Gro\u00dfen begr\u00fcndete Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation nach 1.000 Jahren erloschen war. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir Laatzener in diesem Kontext davon berichten, dass die Besetzung von Hannover durch franz\u00f6sische Verb\u00e4nde f\u00fcr die Menschen in unserer Nachbarstadt auch kein Vergn\u00fcgen war. Wir haben uns unter Zuhilfenahme des Baumeisters Georg Ludwig Friedrich Laves 1832 f\u00fcr diese Schmach ger\u00e4cht, indem wir die Waterloos\u00e4ule aufgestellt haben die noch heute triumphierend daran erinnert, dass hannoversche Truppen unter Carl von Alten am Sieg \u00fcber den Kaiser der Franzosen in der Schlacht bei Waterloo 1815 ma\u00dfgeblich beteiligt war.<\/p>\n<p>Wie undifferenziert Menschen mit politischen Chancen aufgrund von Voreingenommenheiten umgehen k\u00f6nnen, zeigt die Zeit des sogenannten Vorm\u00e4rz nach den napoleonischen Kriegen. Anstatt die Intentionen der franz\u00f6sischen Revolution <em>Libert\u00e9, \u00e9galit\u00e9, fraternit\u00e9, also Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit<\/em> aufzunehmen und das von Napoleon eingef\u00fchrte Zivilrecht, dass Glaubensfreiheit, Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz und Gewerbefreiheit vorsah beizubehalten und weiter zu entwickeln, leiteten die F\u00fcrsten im Deutschen Bund genau das Gegenteil dessen ein, was in dieser Zeit gesellschaftspolitisch notwendig gewesen w\u00e4re. Ihr Motto hie\u00df Restauration statt Partizipation und auf die beginnende Industrialisierung mit ihren sozialen Problemen, die Gerhart Hauptmann in seinem Drama <em>Die Weber<\/em> so eindrucksvoll beschrieben hat, antworteten sie durch Unterdr\u00fcckung, Zensur und Verfolgung. Hoffmann von Fallersleben, der Dichter unseres Deutschlandliedes, aber auch die G\u00f6ttinger Sieben haben damit hinreichende Erfahrungen gemacht. Heute wissen wir, dass die Vers\u00e4umnisse von damals langfristig schwerwiegende Folgen hatten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt ist es Zeit \u00fcber zwei M\u00e4nner zu reden, die die Rachegel\u00fcste und das Aufrechnen nach dem schlimmsten aller Kriege, dem Zweiten Weltkrieg, im wahrsten Sinne des Wortes satt hatten: Der ehemalige Brigadegeneral Charles de Gaulles (1890-1970) und der ehemalige Oberb\u00fcrgermeister von K\u00f6ln Konrad Adenauer (1876-1967. Der eine hatte leidenschaftlich gegen die Besetzung seines Landes durch deutsche Truppen gek\u00e4mpft und der andere war von den Nationalsozialisten als Oberb\u00fcrgermeister abgesetzt und im August 1944 von der Gestapo verhaftet worden. Beide kannten die Verwerfungen der franz\u00f6sischen und deutschen Geschichte sehr genau und beide hatten ganz pers\u00f6nlich erlebt, wieviel Blut und Zerst\u00f6rung der Krieg im Herzen Europas gekostet hatte. Beide hatten ein Ziel, das sie einte: Die Spirale der wechselseitigen Feindschaft endlich zum Stehen zu bringen. Das Unterfangen war schwer, ja, sogar sehr schwer, denn die Vorbehalte und Emotionen waren in beiden L\u00e4ndern betr\u00e4chtlich. Die Wertsch\u00e4tzung zueinander und ihr Vertrauen in die Seriosit\u00e4t des jeweiligen Partners waren schlie\u00dflich die Basis des als historisch zu bezeichnenden \u00c9lys\u00e9e-Vertrages vom Januar 1963. Die beiden erfahrenen Staatsm\u00e4nner nahmen sich nach der Unterzeichnung der Vertr\u00e4ge sichtlich ger\u00fchrt in die Armee. Sie wussten zu diesem Zeitpunkt jedoch sehr genau, dass das gesamte Vorhaben keine Zukunft haben w\u00fcrde, wenn es nur von den politischen Repr\u00e4sentanten gest\u00fctzt w\u00fcrde. Der Erfolg, das war ihnen klar, war nur dann gew\u00e4hrleistet, wenn die breite Mehrheit der franz\u00f6sischen und deutschen Bev\u00f6lkerung bereit sein w\u00fcrde, seine Zielsetzung aus \u00dcberzeugung mit zu tragen. Aus diesem Grunde wurde im gleichen Jahr das Deutsch-Franz\u00f6sische Jugendwerk gegr\u00fcndet, der Studentenaustausch gef\u00f6rdert und die Vereinbarungen von Partnerschaften unterst\u00fctzt. Unvergessen bleibt f\u00fcr mich in diesem Zusammenhang auch das Treffen von Fran\u00e7ois Mitterrand und Helmut Kohl im September 1984 auf dem Soldatenfriedhof von Verdun auf dem 130.000 unbekannte Kriegstote bestattet sind. W\u00e4hrend der Gedenkzeremonie fassten sich die beiden Staatsm\u00e4nner ungeplant pl\u00f6tzlich an den H\u00e4nden. Sichtlich um Fassung ringend verharrten sie minutenlang schweigend in dieser Haltung.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnen wir mit gro\u00dfer Freude und ohne \u00dcbertreibung feststellen: Das Werk de Gaulles und Adenauers ist gelungen. Nicht unma\u00dfgeblich haben dazu die heute fast 500 Partnerschaften zwischen franz\u00f6sischen und deutschen St\u00e4dten beigetragen. Bei den Begegnungen haben die Menschen aus Gran Quevilly und Laatzen immer wieder festgestellt, dass der jeweils andere eigentlich ein ganz normaler, zuweilen sogar ein sehr netter Mensch ist und dass es in Frankreich und Deutschland wie \u00fcberall auf der Welt solche und solche gibt. In einem Fall war diese Feststellung wie wir geh\u00f6rt haben sogar so intensiv, dass sie zu einer Ehe f\u00fchrte, die inzwischen sogar 30 Jahre gehalten hat. Da kann ich nur sagen:<\/p>\n<blockquote><p>Allons enfants de la Patrie,<\/p>\n<p>Le jour de gloire est arriv\u00e9! <em>(Auf Kinder des Vaterlands, der Tag des Ruhmes ist gekommen!)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren,<\/p>\n<p>ich kann mir gut vorstellen, dass sich manche jetzt fragen, wie der Gans\u00e4uer nun die Kurve zu Polen bekommt. Nun, das ist einfacher als viele glauben, denn die polnische Geschichte, die ich in G\u00f6ttingen ein Semester lang studieren durfte, ist voller \u00dcberraschungen. Immerhin, von den elf K\u00f6nigen in der Zeit der polnischen Adelsrepublik zwischen 1569 und 1795 kamen sieben aus dem Ausland. Unter ihnen eben auch der Franzose Henri Valois, der in Polen jedoch lediglich zwischen 1574 und 1575 herrschte. Der gute Mann war von der zuweilen strapazi\u00f6sen Art des Regierens nicht so wahnsinnig begeistert und hielt sich statt auf dem K\u00f6nigsthron lieber tagelang im Bett auf. In einer Nacht- und Nebelaktion schlich er sich schlie\u00dflich davon, wurde in Frankreich als Heinrich III. zum K\u00f6nig gekr\u00f6nt und regierte das sch\u00f6ne Land vermutlich etwas weniger stressig als in Polen bis zu seinem Tod im Jahr 1589. Sie sehen, nichts ist unm\u00f6glich!<\/p>\n<p>Ein polnischer K\u00f6nig ragt jedoch neben einigen weniger bedeutenden besonders heraus: Johann III. Sobieski (1629-1696). Was war geschehen? 1453 ging eine Schockwelle durch das christliche Abendland. Die Osmanen hatten Konstantinopel erobert. Das mehr als 1.000 Jahre lange christlich-byzantinische Reich war damit islamisch geworden. Der Balkan und gro\u00dfe Teile Griechenlands wurden bereits von den Osmanen beherrscht, die ab 1541 schlie\u00dflich auch die wichtigsten St\u00e4dte Zentralungarns in ihre Gewalt gebracht hatten. 1529 war ein erster Versuch Wien durch die t\u00fcrkische Armee zu erobern zwar gescheitert, aber 1683 versuchten es die Osmanen mit einer Armee von 120.000 Mann ein zweites Mal. Ihnen war klar, dass der Weg nach Westeuropa nur \u00fcber Wien f\u00fchrte. Die Stadt befand sich nach kurzer Zeit in einer verzweifelten Lage. Der Kaiser und mehr als 80.000 Einwohner waren bereits geflohen. Die M\u00f6glichkeiten sich zu verteidigen waren fast ersch\u00f6pft als der polnische K\u00f6nig mit einem Entsatzheer nahte. In einem erbitterten Ringen wurde das osmanische Heer schlie\u00dflich geschlagen. Der polnische K\u00f6nig hatte Mitteleuropa vor der osmanischen Invasion gerettet.<\/p>\n<p>Gedankt wurde dieser Einsatz den Polen nicht. Im Gegenteil, die Gro\u00dfm\u00e4chte Ru\u00dfland, Preu\u00dfen und \u00d6sterreich teilten das Land wie Raubtiere unter sich auf. Polen blieb auf diese Weise ab 1795 als eigenst\u00e4ndiger Staat bis zum Ende des Ersten Weltkrieges von der Landkarte Europas verschwunden. In einem kollektiven Ringen, das mich immer wieder an den bewundernsw\u00fcrdigen Kampf der Solidarno\u015b\u0107 erinnert, haben die Polen in dieser langen Zeit ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Identit\u00e4t erhalten und gepflegt. Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Polen waren aus bekannten Gr\u00fcnden nach 1945 au\u00dferordentlich schwierig. Mit seinem Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos hat Willy Brandt gezeigt, dass es auch das andere Deutschland gibt. An einem solchen Tag wie heute erinnere ich mich mit Dankbarkeit an diese gro\u00dfartige Geste die zu Recht in die Geschichte eingegangen ist. Die Auss\u00f6hnung und heutige Freundschaft zwischen Deutschen und Polen ist zweifellos eine der gr\u00f6\u00dften friedenspolitischen Leistungen die diese beiden L\u00e4nder in ihrer langen Geschichte m\u00f6glich gemacht haben. Wir sollten damit r\u00fccksichtsvoll und sensibel umgehen.<\/p>\n<p>Anrede,<\/p>\n<p>ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in Hannover nicht ganz ungef\u00e4hrlich ist \u00fcber Preu\u00dfen zu reden, obwohl es auch an der Leine Menschen gibt die eher den Hohenzollern als den Welfen zugeneigt sind. Wie dem auch immer sei, ich erlaube mir mit dem Blick auf unsere brandenburgischen Freunde aus Guben gleichwohl daran zu erinnern, dass gro\u00dfe Teile Preu\u00dfens ein polnisches Lehen waren und sich der erste preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich I. (1657-1713) eben nicht K\u00f6nig \u201evon\u201c Preu\u00dfen sondern lediglich K\u00f6nig \u201ein\u201c Preu\u00dfen nennen durfte. Wir erkennen an diesem Beispiel einmal mehr, wie eng die Verflechtungen der Staaten in Wahrheit waren.<\/p>\n<p>Anrede,<\/p>\n<p>im vergangenen Jahrhundert hat der Mensch gro\u00dfe Fortschritte gemacht. In der Medizin ist es m\u00f6glich Organe auszutauschen. Pest, Lepra und Cholera in fr\u00fcheren Zeiten Gei\u00dfeln der Menschheit, gelten als besiegt. Ein Student der Mathematik im zweiten Semester an meiner Universit\u00e4t der Georgia Augusta in G\u00f6ttingen zum Beispiel, kann heute \u00fcber die Erkenntnisse von Isaac Newton nur m\u00fcde l\u00e4cheln. W\u00e4hrend noch unsere Vorfahren vor wenigen Jahrzehnten Blitz, Donner und Hagel f\u00fcr Zeichen der Unzufriedenheit unseres Herrgottes mit seinen irdischen Sch\u00e4fchen hielten, wissen wir heute, dass diese Ph\u00e4nomene naturwissenschaftlichen Ursprungs und damit zugleich plausibel erkl\u00e4rbar sind. W\u00e4hrend Goethe in seiner Liebeslyrik noch mit verkl\u00e4rtem Blick zum Mond sein durch die Trennung von der Geliebten verursachtes Leiden zu mildern versuchte, ist in unseren Tagen auch f\u00fcr Halbgebildete klar, dass diese leuchtende Himmelsscheibe nichts anderes ist als ein ziemlich \u00f6des und zutiefst unerotisches Gestein. F\u00fcr auf Zweisamkeit ausgerichtete Implikationen taugt es jedenfalls nicht, das ist sicher. Jeder Winkel unseres sch\u00f6nen blauen Planeten ist mit Ausnahme von Nordkorea prinzipiell in wenigen Stunden erreichbar. Ein Urlaub im bayerischen Wald oder im Vinschgau an der Etsch, von einer Wanderung im Harz will ich gar nicht erst reden, gelten seit geraumer Zeit in manchen Kreisen bereits als spie\u00dfig. Um bei Freunden und in der Nachbarschaft Eindruck zu machen, muss es da mindestens schon die AIDA, nat\u00fcrlich mit Au\u00dfenkabine, sein.<\/p>\n<p>Ja, wir leben in einer Welt der Antagonismen. Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren die Widerspr\u00fcche einer Epoche gr\u00f6\u00dfer als heute. W\u00e4hrend die meisten Deutschen dar\u00fcber klagen, dass ihre Sparguthaben kaum noch verzinst werden, sterben laut Bericht der UNESCO zeitgleich fast 6 Millionen Kinder auf der Welt j\u00e4hrlich an Unterern\u00e4hrung und mangelnder \u00e4rztlicher Versorgung. Allein 60 Millionen Menschen sind t\u00e4glich auf der Flucht und der IS kann ohne nennenswerten Widerstand der Weltgemeinschaft antike Kulturst\u00e4tten zertr\u00fcmmern, Menschen \u00f6ffentlich massakrieren und die Videos seiner Mordtaten ins Netz stellen. Jawohl, der Mensch hat beachtliche, ja geradezu sensationelle Fortschritte gemacht, aber die technische und naturwissenschaftliche Weiterentwicklung ist leider nicht einhergegangen mit einem sp\u00fcrbaren Fortschritt an Menschlichkeit und Toleranz. Neid, Missgunst und Egoismus scheinen geradezu inh\u00e4rente, anthropologische Bestandteile unseres Menschseins zu sein. \u00dcber die Jahrtausende hinweg waren sie immer wieder Ursache f\u00fcr schreckliches Unrecht und furchtbares Leid.<\/p>\n<p>Die Raketen unserer Wissenschaftler fliegen inzwischen \u00fcber unser Sonnensystem hinaus, aber unsere F\u00e4higkeit den Mitmenschen neben uns auf der so klein gewordenen Erde in seiner Andersartigkeit zu respektieren und seine religi\u00f6se \u00dcberzeugung zu achten, ja, dieser Fortschritt scheint an uns Menschen irgendwie vorbeigegangen zu sein. Der Beweis, dass wir Europ\u00e4er insgesamt aus den unz\u00e4hligen Kriegen und Feindschaften tats\u00e4chlich gelernt haben, wird nicht durch Festtagsreden wie die meinige von heute erbracht, sondern nur durch die Bereitschaft zum Zuh\u00f6ren und aufeinander zugehen.<\/p>\n<p>Ja, ich mag dieses Deutschland, es ist mein Vaterland, zu ihm habe ich eine enge emotionale Bindung. Seine Wiesen, W\u00e4lder, Seen und Berge, seine Kirchen, seine Kultur und seine Sprache haben f\u00fcr mich eine ungeheuer gro\u00dfe Bedeutung. Deutschland, das ist meine Heimat in der ich mich zuhause f\u00fchle. Ich f\u00fcge allerdings hinzu, dass ich es f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halte, dass es die Menschen in Frankreich, \u00d6sterreich und Polen mit ihrer Heimat genauso halten. Und das ist gut so. Ein Europa der Patrioten, in dem die Menschen ihr jeweiliges Land lieben und das der anderen respektvoll achten, ist f\u00fcr alle nutzbringender als ein Europa der kulturellen Beliebigkeiten. Wir m\u00fcssen eben immer nur aufpassen, dass wir die Stoppzeichen zwischen Patriotismus und Nationalismus nicht \u00fcberfahren.<br \/>\nSicher ist jedenfalls, dass es eine Wiedervereinigung ohne eine Auss\u00f6hnung mit Frankreich und ohne das Einwirken der europ\u00e4ischen Institutionen nicht gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Allen, die in Gran Quevilly, in Gubin, Guben und Waidhofen zum Erfolg der Partnerschaft mit Laatzen beigetragen haben danke ich herzlich. In diesen Dank schlie\u00dfe ich auf Laatzener Seite vor allem unsere leider verstorbenen fr\u00fcheren B\u00fcrgermeister Georg Heuer und Host Lecke ausdr\u00fccklich ein. Als endg\u00fcltig gelungen werden wir diese Partnerschaften aber erst dann betrachten k\u00f6nnen, wenn es m\u00f6glich wird den Staffelstab der Freundschaft und des respektvollen Miteinanders an die junge Generation weiterzugeben. Genau dies ist unsere Aufgabe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 03.10.2016 hat Herr J\u00fcrgen Gans\u00e4uer (M.A., Landtagspr\u00e4sident a.D.) in Laatzen die nachfolgende Rede gehalten. Ich hatte ihn gebeten, und die Erlaubnis erhalten, diese hier ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen. Die Rede ist in meinen Augen so gut, dass sie ver\u00f6ffentlicht und online bleiben muss. Die Rede wurde f\u00fcr die Partnerst\u00e4dte der Stadt Laatzen in franz\u00f6sisch und <a href=\"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/2017\/01\/10\/von-juergen-gansaeuer-europa-in-schwerer-zeit-staedtepartnerschaften-netzwerke-der-zusammenarbeit\/\" rel=\"nofollow\"><span class=\"sr-only\">Read more about Von J\u00fcrgen Gans\u00e4uer: Europa in schwerer Zeit. St\u00e4dtepartnerschaften \u2013 Netzwerke der Zusammenarbeit<\/span>[&hellip;]<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2472,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,7,11],"tags":[],"class_list":["post-2460","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-aktuelles-aus-laatzen","category-politische-arbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2460"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2466,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2460\/revisions\/2466"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2472"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.heiko-schoenemann.de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}