Von Jürgen Gansäuer: Europa in schwerer Zeit. Städtepartnerschaften – Netzwerke der Zusammenarbeit

Am 03.10.2016 hat Herr Jürgen Gansäuer (M.A., Landtagspräsident a.D.) in Laatzen die nachfolgende Rede gehalten. Ich hatte ihn gebeten, und die Erlaubnis erhalten, diese hier veröffentlichen zu dürfen. Die Rede ist in meinen Augen so gut, dass sie veröffentlicht und online bleiben muss.

Die Rede wurde für die Partnerstädte der Stadt Laatzen in französisch und polnisch übersetzt. Alle Versionen können als PDF hier heruntergeladen werden:

Vielen Dank für die großartigen Worte und die Bereitschaft, dass ich diese hier veröffentlichen darf.


Es gilt das gesprochene Wort!

Europa in schwerer Zeit.
Städtepartnerschaften – Netzwerke der Zusammenarbeit

Anrede,

wenn man als Referent Wert auf Beifall legt, dann es gibt in diesen Tagen sicher Klügeres, als über den Zustand Europas öffentlich nachzusinnen. Gleichwohl, ich werde das versuchen, denn mir liegt gerade am Tag der Deutschen Einheit sehr daran, nicht nur eine Rede zu reden, sondern auch etwas zu sagen auf die Gefahr hin, dass viele von Ihnen ganz anderer Meinung sind, was ich als Demokrat ohne Probleme akzeptiere.

Wer heute auf der Höhe der Zeit sein und sich Aufmerksamkeit verschaffen will, so scheint es mir jedenfalls zuweilen, sollte in der Lage sein, das Wirken der europäischen Institutionen auf die eine oder andere Weise zu diskreditieren. Es verschafft in vielen Kreisen auf einfache Art und Weise Beifall und verleiht zumindest temporär sogar einen Hauch von Intellektualität. Mit einer französischen Vokabel ausgedrückt heißt dies: Wer en vogue, das heißt also gesellschaftlich anerkannt sein will, sollte schon eine gewisse Anzahl von populären Redewendungen parat haben, mit denen er das Wirken der Europäischen Union herabzuwürdigen in der Lage ist. Natürlich ist mir bekannt, dass auch andere meckern und nörgeln können, aber wir legen doch Wert darauf, dass dies niemand so schön, fantasievoll, konsequent, ausdauernd, elegant und auf so hohem Niveau fertigbringt wie wir Deutschen, obwohl wir im Vergleich mit anderen Ländern nach zwei Weltkriegen dazu objektiv gesehen am wenigsten Veranlassung haben.

Dabei kommt der Name Europa in diesem Zusammenhang ja auch nicht von ungefähr. Er ist bekanntermaßen der griechischen Mythologie entlehnt. Die so bezeichnete Dame, also Europa, war der Erzählung nach die bezaubernde Tochter des phönizischen Königs Agenor. Göttervater Zeus, dessen feminine Ambitionen in der griechischen Götterwelt nicht unbekannt waren, hatte ein Auge auf sie geworfen. Er verwandelte sich in einen muskelbepackten gutaussehenden Stier. Für unsere Königstochter war das Tier derart anziehend, so dass sie bereit war sich auf dessen Rücken zu setzten und sich schließlich von diesem zuerst ent- und später auch sehr gern verführen ließ. Die gemeinsamen drei Kinder sprechen jedenfalls dafür.

Ja, meine Damen und Herren, die Geschichte der schönen Europa könnte sehr gut als Synonym für so manche Entwicklung auf dem nach ihr benannten Kontinent herhalten. Nur allzu oft waren seine Bürger in der Vergangenheit bereit, den im übertragenen Sinne muskelbepackten politischen Verführern, mit fatalen Folgen für die große Mehrheit der Menschen, nachzulaufen. Wir Deutschen können davon ein Lied singen.

Und obwohl wir uns doch nach 1945 gemeinsam vorgenommen hatten aus der Geschichte zu lernen, laufen viele von uns in diesen Tagen erneut Gefahr, nüchterne Betrachtungen und kluges Abwägen hintanzustellen und das berühmte Kind in gehabter Manier mit dem Bade auszuschütten. Wer die Geschichte Europas mit seinen jahrhundertelangen blutigen Verwerfungen, seinen kulturellen und konfessionellen Divergenzen und humanitären Fehlentwicklungen auch nur ansatzweise kennt, sollte nicht bei jeder Krise stehenden Fußes bereit sein in Panik zu verfallen und das bisher Erreichte fatalistisch über Bord werfen. Den tiefgreifenden Wandel, dem niemand entkommt, werden wir jedenfalls nicht mit den nachweisbar gescheiterten nationalistisch geprägten Rezepten von gestern und vorgestern bewältigen.
Deren Wirkmächtigkeit können sie noch heute bei einem Besuch in Auschwitz und Bergen-Belsen oder auch auf den Soldatenfriedhöfen von Verdun in Frankreich oder Stare Czarnowo in Polen eindrucksvoll besichtigen. Sorgen und Ängste der Menschen müssen ernst genommen werden, aber wir dürfen uns von ihnen nicht umfassend geistig beherrschen und politisch treiben lassen.

Eine 50-jährige Partnerschaft mit einer französischen, eine 30-jährige mit einer österreichischen und eine 25-jährigen mit einer polnischen Stadt sowie die Freundschaft mit dem brandenburgischen Guben sind ein guter Anlass, am Tag der Deutschen Einheit über uns Deutsche und unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn nachzudenken. Dieses Nachdenken ist kein bildungsbürgerlicher Zeitvertreib sondern eine Notwendigkeit, um die Menschen und ihr politisches Verhalten nachvollziehen und schließlich auch verstehen zu können. Erst dadurch bekommt eine Städtepartnerschaft eine dauerhafte und stabile Struktur. Ich versuche das.

In einer Zeit, in der die Errichtung von Mauern und Stacheldrahtzäunen, mit denen wir Deutschen uns ja besonders gut auskennen und deren Beseitigung wir noch gemeinsam vor nicht allzu langer Zeit frenetisch gefeiert haben, als politisch-humanitäre Problemlöser Hochkonjunktur feiern, scheint es mir notwendig zu sein daran zu erinnern, dass die europäische Geschichte beweist, dass uns Europäer trotz aller aktueller Meinungsunterschiede mehr verbindet als die Addition von heruntergelassenen Schlagbäumen und Zollschranken.

Eines dieser Europa kulturell prägenden Ereignisse fand im Jahr 732 in der Nähe von Tours und Poitiers in Frankreich statt. Auf dem Schlachtfeld zwischen den beiden Städten trafen 80.000 muslimische Krieger auf die 15.000 Mann-Armee des fränkischen Hausmeier Karl Martell (um 690-741). Die Araber, die nach dem Tod von Mohammed, einhundert Jahre zuvor, fast mühelos Persien, Armenien, Nordafrika und die Iberische Halbinsel erobert hatten, mussten eine vernichtende Niederlage hinnehmen.

Nicht wenige Historiker sind heute davon überzeugt, dass mit dem Ausgang der Schlacht Europas abendländisch- christliche Identität insgesamt bewahrt werden konnte. Eine Identität übrigens die auch jene kulturell geprägt hat, die nicht an den christlichen Gott glauben. Ca. 130 Kilometer von Gran Quevilly entfernt, in der Kathedrale von Saint-Denis im Norden von Paris, ist Karl Martell bestattet.

Karl Martells Enkel, Karl der Grosse, schuf ein Grossreich, das von der Nordsee bis nach Mittelitalien und von der Atlantikküste bis zur Elbe im Osten reichte. Franzosen und Deutsche betrachten den in der Aachener Pfalzkapelle, dem heutigen Dom, bestatteten Kaiser zu Recht als ihren gemeinsamen Stammvater. Ich bin sicher, dass er sich sehr gewundert hätte, dass es auf dem von ihm geschaffenen Territorium heute zwei unterschiedliche Staaten wie eben Frankreich und Deutschland gibt. Und noch mehr hätte er sich gewundert, wenn er vernommen hätte mit wieviel Hass und Brutalität seine Nachfahren sich trotz ihrer gemeinsamen frühmittelalterlichen kulturellen Basis bekämpft und sich wechselseitig über hunderte von Jahren unsägliches Leid und Schmerz zugefügt haben.

Der von uns Deutschen insbesondere im 19. Jahrhundert so gern besungene Vater Rhein war in diesem Kontext alles andere als ein Fluss des Friedens und der Freundschaft. Ganz im Gegenteil, beiderseitige Eroberungsgelüste, Machtansprüche und Erniedrigungen prallten an diesem von den Deutschen als so urdeutsch empfundenen Fluss fast ständig aufeinander. Die Germania des Niederwalddenkmals oberhalb der Stadt Rüdesheim, die mit der Kaiserkrone in der einen und einem Schwert in der anderen dargestellt ist, hält noch heute die Wacht am Rhein gegen den Feind am anderen Ufer. Gott sei Dank ist die Dame seit langer Zeit arbeitslos geworden und wir sollten alles daran setzen, dass sich dieser Zustand nie ändert. Aber auch ganz in unserer Nähe können wir noch heute ein solches Fragment besichtigen, das die politische Stimmungslage im 19. Jahrhundert zum Ausdruck bringt. Das 1875 eingeweihte und von Ernst von Bandel geschaffene Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Der Cheruskerfürst Arminius schaut mit erhobenem Schwert drohend, ja wohin wohl, natürlich in Richtung Westen, also nach Frankreich, das man wenige Jahre zuvor besiegt hatte. Dieser Sieg wurde 1871 durch die Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches „gekrönt“. Die Zeremonie war eine der größten Beleidigungen die man Frankreich antun konnte, denn die Kaiserproklamation des Preußischen Königs Wilhelm I. (1797-1888) fand nicht etwa in Berlin oder Potsdam, sondern im Spiegelsaal von Versailles, also im Herzen Frankreichs statt.

Spätestens jetzt werden nach meiner Erfahrung die Aufrechner unter meinen Zuhörern unruhig. Sie verlangen nun endlich von mir, sozusagen als Ausgleich, etwas über die Untaten der Franzosen zu hören. So z.B. über die Eroberungsambitionen Ludwigs XIV. und die Machtambitionen von Napoleon Bonaparte, der im Oktober 1806, nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt, ganz bewusst durch das Brandenburger Tor reitend, den Schlüssel der Stadt Berlin in Empfang nahm, nachdem er Franz II. zuvor gezwungen hatte seine Kaiserkrone niederzulegen mit dem Effekt, dass das von Otto dem Großen begründete Heilige Römische Reich Deutscher Nation nach 1.000 Jahren erloschen war. Und natürlich können wir Laatzener in diesem Kontext davon berichten, dass die Besetzung von Hannover durch französische Verbände für die Menschen in unserer Nachbarstadt auch kein Vergnügen war. Wir haben uns unter Zuhilfenahme des Baumeisters Georg Ludwig Friedrich Laves 1832 für diese Schmach gerächt, indem wir die Waterloosäule aufgestellt haben die noch heute triumphierend daran erinnert, dass hannoversche Truppen unter Carl von Alten am Sieg über den Kaiser der Franzosen in der Schlacht bei Waterloo 1815 maßgeblich beteiligt war.

Wie undifferenziert Menschen mit politischen Chancen aufgrund von Voreingenommenheiten umgehen können, zeigt die Zeit des sogenannten Vormärz nach den napoleonischen Kriegen. Anstatt die Intentionen der französischen Revolution Liberté, égalité, fraternité, also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufzunehmen und das von Napoleon eingeführte Zivilrecht, dass Glaubensfreiheit, Unabhängigkeit der Justiz und Gewerbefreiheit vorsah beizubehalten und weiter zu entwickeln, leiteten die Fürsten im Deutschen Bund genau das Gegenteil dessen ein, was in dieser Zeit gesellschaftspolitisch notwendig gewesen wäre. Ihr Motto hieß Restauration statt Partizipation und auf die beginnende Industrialisierung mit ihren sozialen Problemen, die Gerhart Hauptmann in seinem Drama Die Weber so eindrucksvoll beschrieben hat, antworteten sie durch Unterdrückung, Zensur und Verfolgung. Hoffmann von Fallersleben, der Dichter unseres Deutschlandliedes, aber auch die Göttinger Sieben haben damit hinreichende Erfahrungen gemacht. Heute wissen wir, dass die Versäumnisse von damals langfristig schwerwiegende Folgen hatten.

Spätestens jetzt ist es Zeit über zwei Männer zu reden, die die Rachegelüste und das Aufrechnen nach dem schlimmsten aller Kriege, dem Zweiten Weltkrieg, im wahrsten Sinne des Wortes satt hatten: Der ehemalige Brigadegeneral Charles de Gaulles (1890-1970) und der ehemalige Oberbürgermeister von Köln Konrad Adenauer (1876-1967. Der eine hatte leidenschaftlich gegen die Besetzung seines Landes durch deutsche Truppen gekämpft und der andere war von den Nationalsozialisten als Oberbürgermeister abgesetzt und im August 1944 von der Gestapo verhaftet worden. Beide kannten die Verwerfungen der französischen und deutschen Geschichte sehr genau und beide hatten ganz persönlich erlebt, wieviel Blut und Zerstörung der Krieg im Herzen Europas gekostet hatte. Beide hatten ein Ziel, das sie einte: Die Spirale der wechselseitigen Feindschaft endlich zum Stehen zu bringen. Das Unterfangen war schwer, ja, sogar sehr schwer, denn die Vorbehalte und Emotionen waren in beiden Ländern beträchtlich. Die Wertschätzung zueinander und ihr Vertrauen in die Seriosität des jeweiligen Partners waren schließlich die Basis des als historisch zu bezeichnenden Élysée-Vertrages vom Januar 1963. Die beiden erfahrenen Staatsmänner nahmen sich nach der Unterzeichnung der Verträge sichtlich gerührt in die Armee. Sie wussten zu diesem Zeitpunkt jedoch sehr genau, dass das gesamte Vorhaben keine Zukunft haben würde, wenn es nur von den politischen Repräsentanten gestützt würde. Der Erfolg, das war ihnen klar, war nur dann gewährleistet, wenn die breite Mehrheit der französischen und deutschen Bevölkerung bereit sein würde, seine Zielsetzung aus Überzeugung mit zu tragen. Aus diesem Grunde wurde im gleichen Jahr das Deutsch-Französische Jugendwerk gegründet, der Studentenaustausch gefördert und die Vereinbarungen von Partnerschaften unterstützt. Unvergessen bleibt für mich in diesem Zusammenhang auch das Treffen von François Mitterrand und Helmut Kohl im September 1984 auf dem Soldatenfriedhof von Verdun auf dem 130.000 unbekannte Kriegstote bestattet sind. Während der Gedenkzeremonie fassten sich die beiden Staatsmänner ungeplant plötzlich an den Händen. Sichtlich um Fassung ringend verharrten sie minutenlang schweigend in dieser Haltung.

Heute können wir mit großer Freude und ohne Übertreibung feststellen: Das Werk de Gaulles und Adenauers ist gelungen. Nicht unmaßgeblich haben dazu die heute fast 500 Partnerschaften zwischen französischen und deutschen Städten beigetragen. Bei den Begegnungen haben die Menschen aus Gran Quevilly und Laatzen immer wieder festgestellt, dass der jeweils andere eigentlich ein ganz normaler, zuweilen sogar ein sehr netter Mensch ist und dass es in Frankreich und Deutschland wie überall auf der Welt solche und solche gibt. In einem Fall war diese Feststellung wie wir gehört haben sogar so intensiv, dass sie zu einer Ehe führte, die inzwischen sogar 30 Jahre gehalten hat. Da kann ich nur sagen:

Allons enfants de la Patrie,

Le jour de gloire est arrivé! (Auf Kinder des Vaterlands, der Tag des Ruhmes ist gekommen!)

 

Meine Damen und Herren,

ich kann mir gut vorstellen, dass sich manche jetzt fragen, wie der Gansäuer nun die Kurve zu Polen bekommt. Nun, das ist einfacher als viele glauben, denn die polnische Geschichte, die ich in Göttingen ein Semester lang studieren durfte, ist voller Überraschungen. Immerhin, von den elf Königen in der Zeit der polnischen Adelsrepublik zwischen 1569 und 1795 kamen sieben aus dem Ausland. Unter ihnen eben auch der Franzose Henri Valois, der in Polen jedoch lediglich zwischen 1574 und 1575 herrschte. Der gute Mann war von der zuweilen strapaziösen Art des Regierens nicht so wahnsinnig begeistert und hielt sich statt auf dem Königsthron lieber tagelang im Bett auf. In einer Nacht- und Nebelaktion schlich er sich schließlich davon, wurde in Frankreich als Heinrich III. zum König gekrönt und regierte das schöne Land vermutlich etwas weniger stressig als in Polen bis zu seinem Tod im Jahr 1589. Sie sehen, nichts ist unmöglich!

Ein polnischer König ragt jedoch neben einigen weniger bedeutenden besonders heraus: Johann III. Sobieski (1629-1696). Was war geschehen? 1453 ging eine Schockwelle durch das christliche Abendland. Die Osmanen hatten Konstantinopel erobert. Das mehr als 1.000 Jahre lange christlich-byzantinische Reich war damit islamisch geworden. Der Balkan und große Teile Griechenlands wurden bereits von den Osmanen beherrscht, die ab 1541 schließlich auch die wichtigsten Städte Zentralungarns in ihre Gewalt gebracht hatten. 1529 war ein erster Versuch Wien durch die türkische Armee zu erobern zwar gescheitert, aber 1683 versuchten es die Osmanen mit einer Armee von 120.000 Mann ein zweites Mal. Ihnen war klar, dass der Weg nach Westeuropa nur über Wien führte. Die Stadt befand sich nach kurzer Zeit in einer verzweifelten Lage. Der Kaiser und mehr als 80.000 Einwohner waren bereits geflohen. Die Möglichkeiten sich zu verteidigen waren fast erschöpft als der polnische König mit einem Entsatzheer nahte. In einem erbitterten Ringen wurde das osmanische Heer schließlich geschlagen. Der polnische König hatte Mitteleuropa vor der osmanischen Invasion gerettet.

Gedankt wurde dieser Einsatz den Polen nicht. Im Gegenteil, die Großmächte Rußland, Preußen und Österreich teilten das Land wie Raubtiere unter sich auf. Polen blieb auf diese Weise ab 1795 als eigenständiger Staat bis zum Ende des Ersten Weltkrieges von der Landkarte Europas verschwunden. In einem kollektiven Ringen, das mich immer wieder an den bewundernswürdigen Kampf der Solidarność erinnert, haben die Polen in dieser langen Zeit ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Identität erhalten und gepflegt. Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Polen waren aus bekannten Gründen nach 1945 außerordentlich schwierig. Mit seinem Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos hat Willy Brandt gezeigt, dass es auch das andere Deutschland gibt. An einem solchen Tag wie heute erinnere ich mich mit Dankbarkeit an diese großartige Geste die zu Recht in die Geschichte eingegangen ist. Die Aussöhnung und heutige Freundschaft zwischen Deutschen und Polen ist zweifellos eine der größten friedenspolitischen Leistungen die diese beiden Länder in ihrer langen Geschichte möglich gemacht haben. Wir sollten damit rücksichtsvoll und sensibel umgehen.

Anrede,

ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in Hannover nicht ganz ungefährlich ist über Preußen zu reden, obwohl es auch an der Leine Menschen gibt die eher den Hohenzollern als den Welfen zugeneigt sind. Wie dem auch immer sei, ich erlaube mir mit dem Blick auf unsere brandenburgischen Freunde aus Guben gleichwohl daran zu erinnern, dass große Teile Preußens ein polnisches Lehen waren und sich der erste preußische König Friedrich I. (1657-1713) eben nicht König „von“ Preußen sondern lediglich König „in“ Preußen nennen durfte. Wir erkennen an diesem Beispiel einmal mehr, wie eng die Verflechtungen der Staaten in Wahrheit waren.

Anrede,

im vergangenen Jahrhundert hat der Mensch große Fortschritte gemacht. In der Medizin ist es möglich Organe auszutauschen. Pest, Lepra und Cholera in früheren Zeiten Geißeln der Menschheit, gelten als besiegt. Ein Student der Mathematik im zweiten Semester an meiner Universität der Georgia Augusta in Göttingen zum Beispiel, kann heute über die Erkenntnisse von Isaac Newton nur müde lächeln. Während noch unsere Vorfahren vor wenigen Jahrzehnten Blitz, Donner und Hagel für Zeichen der Unzufriedenheit unseres Herrgottes mit seinen irdischen Schäfchen hielten, wissen wir heute, dass diese Phänomene naturwissenschaftlichen Ursprungs und damit zugleich plausibel erklärbar sind. Während Goethe in seiner Liebeslyrik noch mit verklärtem Blick zum Mond sein durch die Trennung von der Geliebten verursachtes Leiden zu mildern versuchte, ist in unseren Tagen auch für Halbgebildete klar, dass diese leuchtende Himmelsscheibe nichts anderes ist als ein ziemlich ödes und zutiefst unerotisches Gestein. Für auf Zweisamkeit ausgerichtete Implikationen taugt es jedenfalls nicht, das ist sicher. Jeder Winkel unseres schönen blauen Planeten ist mit Ausnahme von Nordkorea prinzipiell in wenigen Stunden erreichbar. Ein Urlaub im bayerischen Wald oder im Vinschgau an der Etsch, von einer Wanderung im Harz will ich gar nicht erst reden, gelten seit geraumer Zeit in manchen Kreisen bereits als spießig. Um bei Freunden und in der Nachbarschaft Eindruck zu machen, muss es da mindestens schon die AIDA, natürlich mit Außenkabine, sein.

Ja, wir leben in einer Welt der Antagonismen. Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren die Widersprüche einer Epoche größer als heute. Während die meisten Deutschen darüber klagen, dass ihre Sparguthaben kaum noch verzinst werden, sterben laut Bericht der UNESCO zeitgleich fast 6 Millionen Kinder auf der Welt jährlich an Unterernährung und mangelnder ärztlicher Versorgung. Allein 60 Millionen Menschen sind täglich auf der Flucht und der IS kann ohne nennenswerten Widerstand der Weltgemeinschaft antike Kulturstätten zertrümmern, Menschen öffentlich massakrieren und die Videos seiner Mordtaten ins Netz stellen. Jawohl, der Mensch hat beachtliche, ja geradezu sensationelle Fortschritte gemacht, aber die technische und naturwissenschaftliche Weiterentwicklung ist leider nicht einhergegangen mit einem spürbaren Fortschritt an Menschlichkeit und Toleranz. Neid, Missgunst und Egoismus scheinen geradezu inhärente, anthropologische Bestandteile unseres Menschseins zu sein. Über die Jahrtausende hinweg waren sie immer wieder Ursache für schreckliches Unrecht und furchtbares Leid.

Die Raketen unserer Wissenschaftler fliegen inzwischen über unser Sonnensystem hinaus, aber unsere Fähigkeit den Mitmenschen neben uns auf der so klein gewordenen Erde in seiner Andersartigkeit zu respektieren und seine religiöse Überzeugung zu achten, ja, dieser Fortschritt scheint an uns Menschen irgendwie vorbeigegangen zu sein. Der Beweis, dass wir Europäer insgesamt aus den unzähligen Kriegen und Feindschaften tatsächlich gelernt haben, wird nicht durch Festtagsreden wie die meinige von heute erbracht, sondern nur durch die Bereitschaft zum Zuhören und aufeinander zugehen.

Ja, ich mag dieses Deutschland, es ist mein Vaterland, zu ihm habe ich eine enge emotionale Bindung. Seine Wiesen, Wälder, Seen und Berge, seine Kirchen, seine Kultur und seine Sprache haben für mich eine ungeheuer große Bedeutung. Deutschland, das ist meine Heimat in der ich mich zuhause fühle. Ich füge allerdings hinzu, dass ich es für selbstverständlich halte, dass es die Menschen in Frankreich, Österreich und Polen mit ihrer Heimat genauso halten. Und das ist gut so. Ein Europa der Patrioten, in dem die Menschen ihr jeweiliges Land lieben und das der anderen respektvoll achten, ist für alle nutzbringender als ein Europa der kulturellen Beliebigkeiten. Wir müssen eben immer nur aufpassen, dass wir die Stoppzeichen zwischen Patriotismus und Nationalismus nicht überfahren.
Sicher ist jedenfalls, dass es eine Wiedervereinigung ohne eine Aussöhnung mit Frankreich und ohne das Einwirken der europäischen Institutionen nicht gegeben hätte.

Allen, die in Gran Quevilly, in Gubin, Guben und Waidhofen zum Erfolg der Partnerschaft mit Laatzen beigetragen haben danke ich herzlich. In diesen Dank schließe ich auf Laatzener Seite vor allem unsere leider verstorbenen früheren Bürgermeister Georg Heuer und Host Lecke ausdrücklich ein. Als endgültig gelungen werden wir diese Partnerschaften aber erst dann betrachten können, wenn es möglich wird den Staffelstab der Freundschaft und des respektvollen Miteinanders an die junge Generation weiterzugeben. Genau dies ist unsere Aufgabe.

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